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EL HIERRO – PARADIES AM ENDE DER WELT


Entfernung El Hierro (Valverde) > Berlin, Luftlinie 3771 km, See-/Landweg 4525 km




EIN ESSAY - VON LEÓN W. SCHOENAU

El Hierro: Versuch eines Überfluges ...

 

Mit ihr ist ging es mir so, wie im praktischen Liebesleben: Halb zog sie mich, halb sank ich hin ... Das habe ich mir auch nicht übel genommen, schließlich war ich ab sofort mit Haut und Haaren und Körper und Geist und von Kopf bis Fuß besonders sphärisch in einem Reservat angekommen, einem UNESCO-Weltbiosphärenreservat eben. Natur überall, na klar, aber besonders geschützte, weil einmalige, unverwechselbare, unglaubliche und streckenweise unfassbare Natur? Suchet - so werde ihr (sie) finden! Soll sie vom genießenden Menschen auch weiter genossen werden, heutzutage, braucht sie vor allem erst mal Schutz , Naturschutz. Denn in Zeiten der allgewaltigen über uns hinweg rollenden Globalisierung des Massentourismus und der Vermarktung von Allem und Jedem kommt vor dem Genuss erst mal der Schutz. Insofern haben "sie" alles richtig gemacht, sie, dort, hier, auf El Hierro: Sie haben ein Bündnis mit Mutter Natur geschlossen, dann noch eins mit Mutter Erde, weiterhin mit dem die Insel umschäumenden und umtosenden Atlantico  und schließlich mit noch allerhand unterirdischen und überirdischen Kräften (von denen später noch die Rede sein wird). Doch erst einmal gilt es, vogelgleich aufzusteigen über der Insel, die Arme zu Schwingen werden zu lassen, sanft zu gleiten – und zu schauen. Ganz klar, die kleine Insel da unten ruft  einen wie ins Meer gelegten Buchstaben des Alphabets zu uns herauf: Yp-Si-Lon! Und wie gerufen kommt uns bei dieser Assoziation der spanische Dichter  Edmundo de Ory Carlos (923–2010)* zu Hilfe, der zum besagten Buchstaben vermerkte:

 

La vida es una letra de inmenso corazón

que levanta sus brazos frágiles hacia arriba

clamando de continuo

¡La vida es una Y!

 

Das Leben ist eine Buchstabe

mit einem riesigen Herzen,

der seine zerbrechlichen Arme nach oben reckt und fortwährend ausruft:

Das Leben ist ein Y!

 

Und, ohne gleich wieder auf dem Boden der Inseltatsachen zu landen,  lassen wir nochmals den Blick schweifen über diese bizarre Inselform, die fortwährend ruft, uns ruft ... Wir können die Betrachtungsweise des Insel-Y aber nur zwei Mal verändern und haben dann immer noch die beiden ausgestreckten Arme, die uns meinen könnten. Oder wen sonst? Als der Meeresboden in der Geburtststunde El Hierros, das war etwa vor 35 Millionen Jahren, aufriss und Schub um Schub zunächst das Inselfundament mit Magma bildete und erstarren ließ, verliefen die Hauptrisse bereits wie ein Y. Zeichenhaftes Zurweltkommen  ... Später setzte sich mit Magmaexplosion um Magmaexplosion das "Inselgebäude" aufs Fundament (das soll so vor  3 Millionen Jahren gewesen sein). Und so ging es weiter mit Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Lavagüssen ... Zuletzt soll es der Lomo Negro, der 1793 ausbrach, gewesen sein, der das "Leben auf den Vulkanen" dieser Insel in den geschriebenen Chroniken zu Ausdruck brachte. Das weite Golfo-Tal (auf unserer Karte im oberen Halbrund) lässt bereits optisch ahnen, dass hier irgendwann etwas extrem Großes, ein Riesenvolumen Gestein, abbrach und ins Meer versank (unsere Fantasie lassen wir jetzt wie einen Nachrichtensender für Sensationen, von uns unabhängig, weiter senden ...).

Heute ranken an den fruchbaren Hängen des Tales die Weinreben und versprechen mit später wunderbaren Trauben den trinkbaren Lebensgenuss im funkelnden Glas zusammen zu fassen. Ananasfelder rascheln mit ihrem spitzen Grün als süße Alternative zu den umstritten subventionierten Bananen der Traditionslandwirtschaft. Und dann erst die Namen der Insellandschaften und Merkpunkte, die mich beim späteren Gang (kein Running, kein Halbmarathon ...) durch die geschützte Inselnatur spürbar sanft berühren: Mencafete, Tibataje, Las Playas, Ventejís und Timijiraque, Frontera, Punta de Restinga, Mar de las Calmas ... Wie eine Tafel nehmen sich weite Teile des oberen Berglandes der Insel aus. Zunächst typischerweise als die Hochebene, Mesesta de Nisdafe - als wenn sich drei Traumbilder der Schweizer Voralpen und der schottischen und irischen Weidehügel miteinander mischten. Und das kommt nur daher, dass sich blitzblanke Kühe mit zottligen Langhaarschafen auf sattgrünen, mit Steinmäuerchen eingefassten  Wiesen mehr oder weniger glücklich fressend oder dösend befinden. Dazwischen Sträßchen, Pfade, Felder, kleine Bretterbuden zum Unterstellen bei plötzlichem Regen und für Ackergerät ... Wasserspeicher... Im lebensspenden feuchten Passat des  sich anschließenden Bergkammes cumbre (Richtung Südwesten gegangen) erstreckt sich der Monteverde in Höhen zwischen 500 und 1500 Metern. Dieser (wieder!) grüne Bergwald ist nun wahrhaft immergrün, da Lorbeerbäume hier dicht an dicht stehen. Beste Existenzbedingungen! Die Nebelschwaden der Passatwolken werden von den ledernen Lorbeerblättern beiläufig und sehr zweckdienlich "kondensiert" - und so tropft und tropft und tropft es, nährt dichtes Farnkraut am Boden und oder den kletternden Efeu – und spendet zudem ganz ordentlich noch etwas fürs Grundwasser. Das nächste "melkende" und damit wasserökologische Faszinosum sind die strammen, kräftig rindenbepanzerten  und schier unverwüstlichen kanarischen Kiefern mit ihren extralangen Nadeln. Obwohl sie schon in den trockenenern Regionen wachsen, greifen auch sie in Zeiten und bestimmten Höhen nach der Passatleuftfeuchte und nehmen sich ihren Teil davon. 

Waldbrand, ein immer noch fortwährendes Übel im Sommer, kann flammenzüngelnd diesen Kiefern glücklicherweise weniger antun, als gedacht. Die kleinen aneinander gefügten Rindenpanzer widersetzen sich dem Feuer und lassen es nicht bis zum Lebensnerv des Baumherzens vordingen. Die oftmals schwer verkohlten Riesen bieten allerdings nach dem Feuerangriff ein schreckliches Bild von Naturtötung. Jedoch nach einiger Zeit erholen sie sich und das Kiefernleben geht weiter ... Pino Verde, Pino Piloto, Pino de Agua - die Einwohner haben vielerorts viele variierende  Namen für ihre berühmtesten Pinos zu Hand. 

 

La Dehesa. Kommen wir, Richtung Südwestspitze, immer "oben" entlang, endlich nach "La Dehesa", befinden wir uns im "kommunalen Weideland", für das erneut unzähligen Ziege und Schafe sommerlich "siedeln" (wenigstens, so lange Feuchtigkeit und Regen fürs Weidegrün vorhalten). Will es die wunderbare Weite dort oben, dass sich die Menschen seit jeher ihre markanten Begegnungs- und Aussichtspunkte schufen? Ich glaube ja. Und da sind sie: Der letzte Wacholderbaumhain der Insel, El Sabinar, die anmutige kleine Kapelle der Inseljungfrau der Heiligen Drei Könige Ermita Virgen de Los Reyes und, last but not least, der berauschende Ausblick auf das Golfotal von Süd nach Nord,  vom Mirador de Bascos.

 

* Zitat aus seinem Gedicht: "Y volver a dormir y despertar del sueño"