EDITIONCANARIAS


¡ ESPECIAL CARNAVAL CANARIO ! | 1 GESCHICHTE & TRADITION


GESCHICHTE

ORTE

MENSCHEN



¡Viva el Carnaval Canario!

Text©von León Wolfgang Schönau

 

Nichts bewegt die Canarios so sehr wie ihr Carnaval! Keinesfalls vergleichbar mit dem auf 3 Tage begrenzten närrischen Treiben hierzulande, geschweige denn aller rümpfenden deutschen Nasen darüber, besonders im Norden des Landes. ¡Carnaval ! auf den Kanaren ist, ehe er ein Schlachtruf für mindestens zwei Monate wird, sowieso eine „Ganzjahresaufgabe“, „eine Ehre, daran mitzuwirken“ und insgesamt die ganz große Herzensangelegenheit der meisten Einwohner der Inseln. Dass ein Carnaval Canariobereits am Aschermittwoch endet, ist kategorisch auszuschließen.

 

Die jährlichen skurrilen bis international angehauchten Themen des kanarischen Karnevals beziehen alle zeitgeistigen Kulturelemente Europas, Afrikas und Südamerikas ein, vermischen sie - und heraus kommt eine explosive temperamentvolle Wolke von Musik, Tanz, Witz, Bewegung, Gesang, Traditionspush und überraschendem Freigeist, immer gepaart und mit Lebensfreude der lateinamerikanisch inspirierten Art.

 

Carnaval Canario - das war/ist auch die freiheitsliebende Gegenkultur der Inseln, etwas, um ein Ventil zu schaffen, der streng-katholischen Lehre und einer gewissen Bigotterie sowie dem Despotismus der weltliche Obrigkeit die Stirn zu bieten. Ständige Missbilligung, raffinierte Unterdrückung, ja sogar Verfolgung der ausgelassenen kritischen carnvalistas war jahrhundertelang die Regel.

 

Heidnisch, fleischlich, lustbetont – das schien den Machterhalt von Kirche und Staat zu gefährden. Die fleischlose Zeit, die Fastenzeit carne vale (lat. „Fleisch adé“) beginnt für alle Katholiken eigentlich mit dem Ende des Narrentreibens am Aschermittwoch. Allerdings gab es schon vor dem Christentum, verbreitet im südlichen Europa, die sogenannten Frühlingsfeste, die aus der Not eine Tugend machten: Die Fastentage fielen ziemlich genau in jene Zeit, in der die Nahrungsvorräte des Winters zu Ende gingen. Fasten also, als Praxis, dem Bewusstein des Hungerleidens bis zu den ersten Frühlingstagen ideologisch zu entkommen.

 

¡Critíca! Immer war damit verbunden, auf den öffentlichen Plätzen, in Verkleidung, Kritik am Herrschaftssystem, mehr oder weniger deutlich, zu üben. Carlos I. von Spanien ging noch 1523 mit einem Gesetz gegen Maskeraden jeglicher Art vor. Sein Sohn Felipe II. tat es ihm nach. Erst Felipe IV. (1621-1665) und Carlos III. (1759-1783), die von den Venezianern die Kunst und Lust der Maskenbälle abschauten, „geruhten“ diese nun auch in Spanien einführen und zuzulassen.

 

Der erste urkundlich erwähnte Karneval dieser Art fand 1802 in Puerto de la Cruz statt (damals „Puerto de la Orotava“). Von Anfang an war auf den Kanaren die lateinamerikanische Prägung des Karnevals ausschlaggebend, denn der Menschen-, Güter- und Gedankenaustausch, der sich seit der Kolonialisierung Mittel- und Südamerikas durch Spanien vollzog war gewaltig. Und nicht zu vergessen: Die Emigrationswellen, die in wirtschaftlich schwierigen Situationen die Menschen geradezu zwangen, die Inseln Richtung Süd- oder Mittelameriak zu verlassen, um dort, wie sie hofften, ein besseres Leben zu finden.

 

Die Inseln als ständige Häfen im Warenumschlag zwischen Spanien, Afrika, Mittel- und Südamerika waren ein Schmelztiegel lateinamerikanisch-afrikanisch- spanisch-europäischer Mixturen in allen Lebensbereichen. Nur so erklärt sich vieles an Ausstattung, Trachten, Musik und vielen unterschiedlichen Ritualen der carnavales insulares.

 

Carnaval Canario und der Diktator Franco. Als Francisco Paulino Hermenegildo Teódulo Franco y Bahamonde Salgado Pardo, kurz Francisco Franco, 1936 seinen Staatsstreich gegen die demokratisch gewählte republikanische Regierung Spaniens verübte und danach ganze 40 Jahre bis 1976 das Land diktatorisch unterdrückte, gerieten auch die beliebten fiestas de carnavales in ganz Spanien unter Verbot. Wie bezeichnend und entlarvend das Verbot war, zeigte sich in den Befürchtungen der Militärjunta, hinter den Karnevalisten und ihren Verkleidungen könnten sich Attentäter, Kriminelle, „Volksverräter und anderes Gesindel“ verbergen. Besonders die Tinerfeños (Einwohner Teneriffas) ließen sich davon nicht abschrecken und erklärten kurzerhand die verbotenen carnavales zu las fiestas del invierno (Winterfeste). Es brauchte nicht lange und zu den bekannten (ehemaligen Karnevals-) Zeiten "tobten" in den Inselstädten und –dörfern die Winterfeste. 

 

Das „Delikate“ an dieser Geschichte soll nicht verborgen bleiben: Franco hatte einen ziemlich starken „negativen“ Bezug zu den Kanaren, denn er wurde bereits im Februar 1936 nach dem Sieg der Volksfront vom damaligen Regierungschef Manuel Azaña als Oberbefehlshaber der Streitkräfte abgesetzt und als Militärgouverneur der Kanarischen Inseln, weit genug entfernt, vom Machtzentrum Madrid entfernt, in Santa Cruz de Tenerife, eingesetzt. Von da aus (sorry, noch ein kurzes Stück Geschichte, die mit dem späteren Francismus zu tun hat) setzte er sich am 18. Juli 1936 an die Spitze des sogenannten Afrikaheeres Spaniens (Melilla) und trug damit dzu bei, dass sich die antirepublikanische Militärrevolte aufs Mutterland ausbreitete. I

 

In den sechziger Jahren nach Ende des 2. Weltkrieges wurden von Franco selbst, die vorher ausgesprochenen antikarnevalistischen Sanktionen gelockert, religiöse und militärische Maskierungen während der Karnevalszeit blieben jedoch streng untersagt. Die Gründe für die Lockerungen lagen in wirtschaftlichen Wiederbelebungsversuchen Spaniens und dem ersten zaghaften Aufkommen eines Tourismus auf den Kanaren.

 

El Carnaval Canario hoy (heute) - ein kanarisches Kulturereignis ersten Ranges, das das ganze Jahr über vor- und nachbereitet wird! Lange vor den ersten offiziellen Ansprachen, die die jeweiligen Karnevalswochen auf den jeweiligen Inseln, in den Städten und Dörfern eröffnen (Termine höchst unterschiedlich, aber meistens wenigstens insulär aufeinander abgestimmt) üben die murgas, die Narrenkappellen, ihre spöttischen Lieder ein, die dann zum rauschenden Beifall der carnavalistas auch die aktuelle politische „amigo“-Szene beißend und respektlos piesacken. Entweder rein männlich oder rein weiblich (es lebe der Unterschied!) werden sie zusammengestellt und legen los.

 

Ebenso die comparsas die Tanzgruppen, die schon das ganze Jahr über vor dem Ereignis in einer Art Mischung von Dauernähstube und Laufsteg bunte Stoffe feinster Art, Ausstattungseinfälle und Posing der chicas miteinander in Übereinstimmung bringen. Mann/frau schlüpft eben gerne in neue Identitäten. Rollenspiele, des Menschen liebstes Darstellen... Ich bin ein/eine ganz anderer/andere! Das will/muss ich euch zeigen, schaut her!

 

Hinzu kommt das Einstudieren einer regelrechten Choreografie für ihre Auftritte im Umzug coso. Was dann beim Umzug so spielerisch leicht aussieht, ist hart trainiert. Deshalb ist es nicht ganz unwichtig, für „seine Formation“ auch einen Preis für die beste Darstellung, Ausstattung usw. vom Bürgermeister zu erhalten.

 

¡Un reino para una Reina del Carnaval !Ein Königreich für die Karnevalskönigin! In den größeren Städten ist der monarchistische Auftrieb besonderer Respektspersonen schon ewiges Karnevalsgesetz: Ihr Majestät, die Karnevalskönigin wird gewählt reina de carnaval. Entsprechend des jeweiligen karnevalistischen Themas der Stadt/ der Region/ des Dorfes und je nach Finanzstärke der Kommune oder der bereitwilligen Sponsoren werden Bühnenbild und Kostüme gestaltet. Ach was, Kostüme: Kreationen sind es! Raffinierte Konstruktionen! in Draht, Pailleten, Tüll... manchmal in Dimensionen, die Räder benötigen, damit sich die Frl. Königin im überdimensionierten Reifrock zum Beispiel überhaupt bewegen kann. Dass sie schon mal fantasías heißen, sagt voraus, wie sie aussehen: Umwerfend schön! Königin zu sein – Traum aller kanarischen schönen Mädchen. Aber der Weg dahin ist hart, wenn nicht sogar steinig  und sowieso nur mit perfect makeup & styling. Bis die Königin aber aus der Reihe der Bewerberinnen (manchmal bis zu 12!) gewählt wird, vergehen erst mal einige Stunden, versetzt mit sambas und batucas, vinto tinto, cava und ron. Noch ist es nachts empfindlich frisch Anfang Februar, so sind die „Königinnen-Wahlzelte“ willkommen zum atmosphärischen und klimatischen Aufbau der Show ( Eintritt nur mit Eintrittskarte oder „seine Beziehungen spielen lassen“ - tocar todos los resortes).

 

Drag Queen. Die Einheimischen und Insider wissen, dass die Kanaren gerade zu Karnevalszeiten mehr Kosmopoliten stellt, als man denkt. Hier zeigen sich deshalb allenthalben, schon seit Jahren, die Drag Queens, als Reverenz an die Travestie. In der übermäßigen Betonung weiblicher Reize gewinnt der dazu als Drag Queen gewählte und ausgezeichnete Mann mit entsprechendem Köperdekor, Perücke, fantastischem Makeup und High-Heels. Drag Queens sind ohne Zweifel gerade zu den enthemmten Zeiten des ausgelassenen Straßenkarnevals in den beiden großen Zentren der sieben Inseln, Las Palmas de Gran Canaria und Santa Cruz de Tenerife, Leitbilder der Homosexuellen und Transgenderbewegung, vertreten quasi das „Dritte Geschlecht“ und werden auch als sozialpolitisches Statements von den Teilnehmern verstanden und akzeptiert, in dem sie Rollenbilder, hier Mann, da Frau, versuchen ad absurdum zu führen. Ihre Auftritte sind auch dann entsprechend schrill.

 

Carnaval Canario Das ist auch „für jeden etwas“. Verkleidete Hunde, herausgeputzte Katzen, üppig dekorierte Pferde , „aufgemotzte“ Esel... nichts ist unmöglich, um seine Tierliebe und Liebe zum 1., 2. oder 3. Preis im Wettbewerb der schönsten animalischen Verrücktheiten zu beweisen. Und so stellen viele der Vierbeiner ihre zweibeinigen Präsentatoren in den Schatten. „Haustierkarneval“ carnaval de los animales domésticos ist nicht überall zu finden, jedoch in den Dörfern mehr als in den Großstädten, das ist klar.

 

Sei ein Kind und freue dich, wie ein Kind! Bei der sprichwörtlichen Kinderliebe, möglicherweise auch für uns coole Mitteleuropäer süßlich-kitschig wirkenden Kindervergötterung, wie sie auf den Kanaren Gang und Gäbe ist, ist ein großartig aufgezäumter Kinderkarneval noch zur hellen Tageszeit ein Muss. Auch hier treten Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten verkleidet mit an, aber immer so dezent, um ihren Süßen nicht die Schau zu stehlen. Diese wiederum haben seit Kindesbeinen bereits alles Perfekte von den Großen abgeschaut und setzen sich derartig ins Posing, dass ein solcher Umzug coso die besten Auskünfte für die Zukunft des kanarischen Karnevals abgibt: Märchenhaft, futuristisch, digital ...

 

Wer ist schon alt, wenn Karneval ist? Und deshalb ist es gut, beim Carnaval Canario auch auf die Älteren, die 3. Generation la tercera edad zu sprechen zu kommen und zugleich einen demokratisch-demografischen Zug des Karnevals zu markieren: Die Älteren stehen nicht im Schatten oder im Abseits des unbändigen Tumults der Jüngeren – sie sind mit dabei, integriert, wie man heute zeitgeistig dazu sagt. Hier aber steht nichts auf dem Papier oder ist bloß Konzept, nein, es wird durch viele Extra – Veranstaltungen zum Karneval in die lebendige Tat übersetz. Auch die Älteren wählen demzufolge eine Königin nach verschiedenen mit großem öffentlichen Interesse ablaufenden Wahlgängen. 


ARRE-TRANCOS UND ACHIPENCOS IM RAHMEN DES KARNEVALS VON PUERTO DEL ROSARIO, FUERTEVENTURA


Sorry! Text coming soon ...


LOS DIABLETES DE TEGUISE. DIE TEUFELSMASKEN AUF LANZAROTE


KLEINER EXKURS: DIE "TEUFELSMASKEN" VON TEGUISE. WAS STECKT DAHINTER?

Die Teufelsmasken der „Los Diabletes“ von Teguise

von León W. Schönau, Redaktion EDITIONCANARIAS 

 

Sie fallen eigentlich im Dauerlärm der Umzüge in den Gassen von Teguise nicht weiter auf, denn auch sie lärmen, tanzen, und um die Wette schreien ... Aber sie sehen eben so "teuflisch schön" aus und ziehen damit vor allem die Blicke auf sich: Die Diabletes de Teguise, die Teufelchen des Karnevals. Normalerweise verkleinern die Spanier ihren Teufel sprachlich als diablillodiablejo oder diablito. Kanarisch geht’s in Historische und dann wird er diableto genannt.

 

Wie gesagt, optisch fallen sie voll aus der Reihe, der ganzen, ja ebenfalls farbenprächtig Kostümierten ringsherum. Denn auf weißer Jacke und Hose wurden rote und schwarzen Rhomben gemalt, jeweils mit einem andersfarbigen Punkt in der Mitte. Das macht die Sache zum einen sehr grafisch, zum anderen fixiert sich der Blick in den eigentümlichen Punkten mitten in den Rhomben.

 

Die Masken selbst, Stierköpfe in Pechschwarz , Zunge anmotiert – lang und rot. Alles rührte vom Hirtenglauben her. Damals Fruchtbarkeitsymbolik plus starke Männlichkeit - das konnte nur der Ziegenbock. sein. (Siehe auch La Salida de Carneros auf El Hierro, anderer Beitrag in dieer Ruibrik).

 

Selten haben sich archaische und rustikale Karnevalsbräuche auf den Inseln so bewahrt, wie gerade in Lanzarote oder El Hierro.In beiden Fällen waren es besagte Hirten, die ihre Bräuche ab dem 15. Jahrhundert trotz spanischer Unterdrückung der Inseleinwohner pflegten und weiter bewahrten. Oftmals mussten sie in sklavenähnlichen Verhältnissen leben, waren verkauft, „exportiert“ auf die peninsula, wie die Halbinsel Spanien damals (und bis heute) aus der Sicht der Kanarier genannt wurde – oder sonst wohin. Diejenigen, die zurückkamen erinnerten sich wohl immer noch an erlebte oder überlieferte Traditionen und Rituale.

 

Auch das Gedächtnis und die Traditionspflege der für die Kanaren typischen Emigranten spielten hier wieder eine Rolle. Also die „Südamerikaner“ taten ihren Teil auch hier dazu. Zu diesem gehörte der Tanz mit den Teufelsmasken, ursprünglich aus gegerbtem Leder gefertigt, und ebenfalls ursprünglich nur auf dem Fest anlässlich von Fronleichnam veranstaltet. Weit verbreitet sind dieses Masken deshalb auch noch heute in vielen Staaten Südamerikas und und auf Kuba.

 

Teufelsmasken führten zunächst in den Umzügen von Teguise zu Fronleichnam immer den Zug an. Man stelle sich das vor – VOR den kirchlichen und weltlichen Würdenträgern und dem Militär der Stadt.

Irgendeinem vom Klerus war dann das Teuflische in „Heiligen Zug“ doch zuviel. Man verbot es kurzerhand 1777. Jedoch, auch das ist lanzaroteñisch, wollte keiner der Einwohner diesen Brauch missen. Und man „verschob “ ihn einfach in die Zeiten des Karnevals. Praktisch und wirksam!

 

Hexen, Hexenkult und Hexenaustreibung verband sich im frühen und sogar im späten Mittelalter durchaus mit Teufelsaustreibung. Hexe und Teufel, was für ein grundsatanisches und anti-christliches Gespann, dass es mit allen Mitteln zu bekämpfen galt, ehe diese Paar Gewalt über einen bekommen sollte! In diesem Sinne kann wohl auch heute der „Tanz der Teufelsmasken“ im Rahmen der Umzüge interpretiert werden. Das immer noch die Hirtenbräuche Grundlagen der Teufelsaustreibungen waren und sind, zeigt sich auch an den vielfältigen Glocken und Glöckchen , die mit den Diabletes-Kostümen verbunden sind. Ein Schafhirtenbeutel und – natürlich - ein Stock mit Kordel, um den Aufmüpfigen oder Frechen ordentlich Angst zu machen, komplettieren das Kostüm.

 

Die Teufelsmasken, gehörnter Stier mit roter, heraus hängender Zunge, werden noch heute noch neu modelliert, „nachgebaut“ oder auch repariert. Das Ausschlaggebende ist die Formung der Maske aus Ton. Das ergibt sämtliche gewollten späteren Proportionen, für die Leder- und Stoffarbeiten, einschließlich der Hörner. Ähnliche Ziegenbock/Widder-Teufelsmasken und „Teufeleien“ sind die Spielvorlagen für andere Fiestas in anderen kanarischen Gemeinden, wie Tijarafe (La Palma), TanqueBuenavista del Norte und Icod de los Vinos (Teneriffa).

 

Noch etwas zum Thema, aus Teguise direkt: http://www.teguise.com/diabletes/index-al.html


 ... wird fortgesetzt ...